The Cat in the Basket
Die Katze im Korb
2000 km entfernt, in den Bluestack Mountains in Irland, lebt meine Freundin Catherine in ihrem großen Haus, etwas abseits vom Trubel der quirligen Kleinstadt Donegal.
Sie geht gerne morgens barfuß ein paar Minuten durch die feuchte Wiese vor dem Haus, füttert die Vögel und schaut nach ihrem Stückchen Land.
Sie könnte glücklich sein, sagt sie sich. Aber sie ist es nicht. Jedenfalls nicht so oft wie sie es sich wünscht.
Ihr macht das zu schaffen.
Sie sagt sich, dass sie doch alles hat, na jedenfalls mehr als andere.
Sie zählt innerlich all die Vorzüge auf, die sie genießen kann: das eigene, schuldenfreie Haus, die Freiheit, als Coach unabhängig arbeiten zu können, die vielen, guten Freunde, die Familie, ihre Kinder, ein warmes Feuer in ihrer großen Küche.
Sie kann keinen Grund finden, warum sie sich nicht, wenn auch nicht immer, dann doch wenigstens häufig, glücklich fühlt.
Gut, sie ist geschieden. Und ja, die Kinder melden sich nicht so häufig. Und ein paar mehr Klienten wären auch schön, aber trotzdem.
Gestern schrieb sie mir, dass sie sich jetzt im neuen Jahr darauf konzentrieren würde, sich mit sich selbst gut zu fühlen.
Sie will nicht länger zulassen, dass irgendein unbekannter Grund verhindert, dass sie sich glücklich fühlt.
Irgendwie musste ich darüber lachen.
Sich gut fühlen – eine Mission Impossible?
Ich antwortete ihr etwas keck, dass es möglicherweise die Anstrengung des Sich-Konzentrieren sei, die es verhindern würde, dass sie sich nachhaltig wohl in ihrer Haut fühlen könnte, und dass ich darüber hinaus auch glauben würde, dass es eine ‚mission impossible‘ sei, den Zustand eines andauerndes „sich gut fühlens“ zu erreichen.
Sie hatte in den letzten zwei Jahren schon öfter diesen Entschluss gefaßt, dass es jetzt Schluß ist mit der Miesepeterei. Wozu erneut der Druck?
Sicherlich habe ich bei ihr einen empfindlichen Nerv getroffen.
Und sicherlich gibt es emphatischere Wege, einer guten Freundin aus dem immer gleichen Gedankenkarussell zu helfen.
Sie schrieb mir jedenfalls sehr entschlossen zurück, sie hätte eine endlich eine profunde Einsicht gehabt und damit auch eine Lösung gefunden und somit sei die Mission doch erfüllt!!!
Sie hätte darüber sogar schon einen Text für ihren Blog geschrieben.
Das hat natürlich sofort meine Neugier entfacht und ich bat sie, mir den Text zu schicken.
Seit Jahren kommen KlientInnen zu mir, weil sie irgendwie nicht wirklich glücklich sind in und mit ihrem Leben.
Ich selber habe etliche dunkle Nächte der Seele durchlitten und bin immer wieder in schwarze Abgründe gerauscht.
Sollte meine Freundin in Irland wirklich eine ganz einfache Lösung gefunden haben, die all die alten und modernen mystischen und religiösen Wege zum Glücklichensein zur Seite fegt, dann möchte ich das unbedingt wissen.
Die Irische Einsicht – Finger weg von Selbstkritik
Ich bekam ihn am nächsten Morgen. In diesem Artikel schreibt sie, dass sie glaubt, dass Selbstkritik der Hauptgrund ist, warum wir uns nicht gut fühlen mit uns selbst. Und wir sollten damit aufhören und uns stattdessen mit Liebe, Mitgefühl und Wohlwollen betrachten.
Nun gut, das steht mittlerweile auf Teebeutelanhängern, Kalenderblättern und in etlichen Selbsthilfebüchern und ist nichts wirklich Neues.
Ich stimme ihr auf jeden Fall zu, dass Selbstkritik keine geeignete Geschichte ist, um sich besser zu fühlen. Aber ich befürchte, dass die meisten von uns gar nicht genau wissen, wie sie das nachhaltig umsetzen können, denn ehe wir uns versehen, haben wir ja doch wieder gedacht: „ Ich dumme Gans!“
Und beisst sich hier eventuell auch der Hund in den eigenen Schwanz?
Was war denn zuerst da: Die Selbstkritik? Oder das Unwohlsein?
Fühlten wir uns unwohl und haben das als fehlerhaft an uns selbst kritisiert?
Oder haben wir uns unbedachterweise kritisiert und das hat uns ein unwohles Gefühl vermittelt?
Ich denke, da kann man einen trefflichen philosophischen Diskurs daraus machen.
Muss man aber nicht. Es lenkt, glaube ich, nur ab vom eigentlichen Punkt.
Woran leiden wir wirklich? Was verhindert unser feeling good?
Beim Lesen des Textes konnte ich ihren tiefen Schmerz fühlen, etwas zu vermissen und von etwas abgetrennt zu sein, dass sie versucht, mit dem Wort ‚Good‘ zu erfassen.
Ich glaube, jeder von uns kennt das ganz genau. Jeder möchte sich gut fühlen, wohl in seiner Haut, glücklich.
Es ist das tiefe namenlose Leiden, dass wir nicht loswerden, dass uns immer wieder kriegt, uns von hinten anfällt, von vorne anspringt, sich heranschleicht, uns überfällt, oft wenn wir es überhaupt nicht erwarten.
Dieses Phänomen ist schwer in Worte zu fassen.
Es ist begleitet von emotionalen Zuständen wie sich einsam, abgeschnitten und isoliert fühlen, sich nicht verstanden fühlen, sich nicht geborgen und sicher fühlen, sich angespannt und unruhig fühlen, ruhelos, erschöpft, müde, antriebslos, einerlei, von Bitterkeit, Frustration, Unerfülltsein und einer inneren Leere.
Am Ende beschreibt sie, wie ihr Blick auf ihre Katze in ihrem Körbchen fällt und sie dabei feststellt, wie entspannt und frei von jedweden Sorgen der Vierbeiner da eingerollt schläft.
Ihr wäre klar geworden, dass diese Katze niemals Anzeichen seelisches Leides gezeigt hat, und dass es das sei, was es anzustreben gilt – ewige Zufriedenheit mit dem, was ist – um sich für immer und ewig ‚Good‘ zu fühlen.
Das Bild der schlafenden, friedlichen Katze hat plötzlich etwas in mir zum Klingen gebracht.
Ich fange an, meine vierbeinige Mitbewohnerin interessierter unter die Lupe zu nehmen. Was hat sie mir zu sagen? Was ist ihr Geheimnis?
Welche Weisheit, welcher göttliche Hinweis läuft da auf Samtpfoten durch das Zimmer, streicht um meine Beine und schaut mir mit durchdringendem, auffordernden Blick in die Seele?
Was ist es, was sich da in meiner Tiefe rührt?
Die Katze im Korb

Für mich sind Katzen wunderschöne, mysteriöse Kreaturen.
Sie verkörpern Kraft, Macht, Frieden, Selbstvertrauen, Spiel, Freude, Charme, Loyalität, Geduld, Entspanntheit, Freiheit und Eleganz.
Meine Katze beherrscht die Kunst der Diskriminierung, der ablehnenden Unterscheidung.
Sie zeigt ganz präzise, was sie mag und was nicht. Sie hat kein Problem damit, das, was sie nicht mag, zurückzuweisen und abzulehnen, ohne es jedoch zu verurteilen.
Sie folgt loyal ihren Instinkten und stellt sie nicht in Frage.
Sie bleibt unter keinen Umständen länger als ein paar Minuten in für sie unschönen Situationen kleben. (Es sei denn, sie ist eingesperrt.)
Sie kommt näher oder geht auf Distance so wie es für sie angemessen ist.
Sie setzt sich nicht unter Druck, um etwas auszuhalten, was für sie unangenehm ist.
Sie spaziert einfach davon und will man sie aufhalten, lernt man ihre Zähne und Krallen kennen.
Sie kann durchaus aggressiv sein, um ihr Revier zu schützen, mit ihren Feinde zu kämpfen und um ihr Futter zu jagen.
Sie ist wehrhaft.
Sie ist nicht ‚nett‘. Ja sie ist nicht mal freundlich, wenn man es genau nimmt.
Sie duldet, fordert ein und genießt durchaus meine Berührungen und Streicheleinheiten.
Aber sie sagt nicht: ‚Danke, Du bist ja so lieb!‘.
Und wenn es ihr genug ist, dann springt sie einfach aus dem Korb und verschwindet unters Sofa oder in den Garten.
Meine Katze kann durchaus ‚warm‘ sein. Sie ist von Zeit zu Zeit interessiert an Kontakt und Verbindung und spürt instinktiv, wenn ich sie wirklich brauche.
Meine Erfahrung mit meinen Katzen war und ist, dass sie die besten Begleiter sind für schwere Zeiten.
Sie lindern den seelischen Schmerz durch eine geduldige Sanftheit, Nachgiebigkeit und Entspanntheit, die zu sagen scheint: „Werde auch Du weich, sanft und nachgiebig. Hör auf zu kämpfen. Lass los und entspann Dich.“
Nichts ist so tröstlich wie ein warme, weiche Katze, die auf Deinen Schoß springt, Deine Aufmerksamkeit einfordert und die, wenn Du dann ganz bei ihr bist, sich schnurrend auf Deinem Schoß einrollt.
Eine Katze ist nicht ‚Fun‘. Du kannst mit ihre keinen Spaß haben. Du kannst Dich an ihr erfreuen. Du kannst sie genießen.
Sie ist echt, wahrhaftig und present.
Sie folgt ihrer instinktiven Natur, welche sie verbindet mit der Welt um sie herum und dem Leben an sich.
Sie ist dadurch gezwungen, sich selbst als Ausdruck dieser Existenz zu bewegen und lebendig zu erhalten.
Sie hat keine andere Wahl als in Übereinstimmung mit den Gesetzen des Lebens Seite an Seite zu laufen, zu jagen und zu ruhen.
Beobachte ich meine Katzen mit einem offenen Blick aus meinem Herzen, dann entfalten sich auf einmal die Gesetze des Lebens vor mir.
Etwas, dass in mir genauso eingepflanzt ist wie in diese Katze, und dass wie ein kleiner funkelnder Diamant lebt und vibriert, weiß die verborgene Weisheit in dieser Katzen zu dekodieren.
Eine Katze weiß nicht, was sie antreibt. Sie ist sich ihrer selbst nicht bewusst. Sie weiß nicht, dass sie existiert.
Das ist das Geschenk, dass wir Menschen mitbekommen haben.
Wir können wissen und wir können uns unserer selbst bewusst werden und sein.
Leider gehört dazu erst das Vergessen. Wir müssen uns erst vergessen, um uns dann bewusst zu erinnern, was wir wissen.
Die Katze ist wie ein wandelnder Spiegel und eigentlich ist alles Natürliche um uns herum wie ein Spiegel, da, um uns an uns selbst zu erinnern.
In dieser Katze sehe ich, was ich auch bin, ja was ich sein muss, da auch ich lebendiger Teil dieser Welt bin.
Was bin ich – dadrinnen ?
Ist die Katze die Verkörperung von Kraft, Macht, der Friede, das Selbstvertrauen, Spiel, Freude, Charme, Loyalität, Geduld, Entspanntheit, Freiheit und Eleganz, dann bin ich das auch.
Auch ich verkörpere diese Eigenschaften. Sie machen mich aus. Sie sind die Substanzen, aus denen ich gemacht bin.
Ich habe das nur vergessen. Die Katze hat das nie gewusst.
Wir fühlen uns „gut“, wenn wir uns fühlen, wenn wir spüren, was wir sind, wenn wir uns als stark, friedlich, freudig, integer, nachgiebig, kurz als selbstbewusst wahrnehmen.
Wir spüren vor allem durch unser Handeln, wer und was wir sind. In unserem Handeln drücken sich die Qualitäten und Gesetze des Lebens aus. Dann kann ich mir derer bewusst werden.
Es ist im Innen. Es ist immer hier. Ich kann niemals davon getrennt sein.
Genauso wenig wie die Katze.
Nur sie macht sich darüber keine Sorgen, wer oder was sie ist. Wir schon. Wir machen uns viele Sorgen.
Wir stellen viele Fragen und wir stellen uns in Frage. Das bringt uns leider immer weiter von unserer wahren Natur weg.
Ich denke schon, dass Fragen der beste Weg zum Erinnern ist. Die Neugier öffnet die Türen zur Innenwelt.
Wir könnten die Fragen nutzen, um dem Weg tiefer nach Innen zu folgen.
Wir könnten neugierig die Welt um uns herum beobachten, in uns empfangen und uns befragen, was sie uns über uns selbst erzählt.
Ich glaube, der größte Unterschied zwischen der Katze und mir ist Herausforderung und zugleich das Geschenk, die Freiheit zu haben, wählen zu können.
Ich muss aktiv wählen, das zu sein, was mein Potential ist, meine wahre Natur:
Kraft, Macht, Frieden, Selbstvertrauen, Spiel, Freude, Charme, Loyalität, Geduld, Entspanntheit, Freiheit und Eleganz.
Wieder und wieder.
Dann werden wir uns wie die kleine Katze in ihrem Korb als Teil des Lebens fühlen und aufhören zu leiden. Wieder und wieder und immer häufiger.

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