Liebe Mama

Heute ist es genau 7 Monate her, dass ich zur Blauen Stunde auf der Couch neben Deinem Krankenbett plötzlich aufwachte.

Etwas hatte sich verändert. Deine Atmung war ganz flach und kurz. Ich lauschte – zu Dir und in mich hinein. Ist es Zeit für eine Morphininjektion, um Dir das Atmen zu erleichtern? Soll ich den Palliativdienst heraus- und herzu klingeln? Kann ich jetzt etwas für Dich tun, um Dir den letzten Weg leichter zu machen?

Atmen

Ich hörte Dir vielleicht 10 Atemzüge lang zu, dann hast Du Dich auf einmal aufgebäumt, wie um Luft ringend. Ich bin zu Dir gestürzt, um Dich beim ewigen Erbrechen, dass dem Fentanylpflaster geschuldet ist, zu stützen. Aber das war es dieses Mal nicht. Es war einfach Dein letzter Atemzug. Eine Sekunde später hielt ich Deinen leblosen Körper im Arm.

Die letzten drei Nächte vor Deinem Tod haben wir eine abenteuerliche Reise zusammen unternommen, nicht wahr? – Als Du noch an das ewige Leben hier auf Erden glaubtest, fast so wie ein Kind, hast Du über meine Vorstellungen vom Sterben und dem Leben nach dem Leben gelacht. Aber in diesen drei Nächten änderte sich das und Du begannst Deine Reise zur anderen Seite. Es war ein pendelnder Prozess. Mal warst Du dort drüben, dann kamst Du wieder hierher zurück.

Du erzähltest mir vom steinernen Tor, dass sich vor Dir aufbaut, und von Deiner Mutter, die da wartet. Aber auch von der Dunkelheit, die Dir Angst macht und von der Unmöglichkeit, durch dieses Tor zu gehen.

Gnade

Ich habe Deine Not gespürt und etwas irritierte mich. Diese angstmachende Dunkelheit, ohne ein helfendes Licht, dass von irgendwoher leuchtet. Da habe ich zum zweiten Mal in meinem Leben gebetet. Nicht, dass ich nicht zu Gott sprechen würde, oder zu meinem Schutzengel. Ich bin schon in ständigem Kontakt. Aber das Gebet ist für mich etwas anderes. Es ist eine dringende Bitte, die ich im Namen eines anderen ausspreche, für jemanden, der Unterstützung sehr nötig hat. Und Du stecktest irgendwie fest. Das konnte ich spüren.

In dieser ersten der drei Nächte saß ich an Deinem Bett und bat um Gnade, um Schutz und Begleitung. um Licht und um einen klaren Weg, der Dich ankommen lässt im nächsten Raum. Irgendwann wachtest Du auf und erzähltest mir, dass das Tor jetzt am Meer stehen würde und alles wäre so schön. So sonnig und warm. So weich und lieblich. Und Du erzähltest mir, dass Du im Wasser schwebst, ganz seelig wie ein Baby. Und Du machtest auch Geräusche wie ein Baby. Es hörte sich an, als würdest Du Dein Leben in Kurzdurchlauf rückwärts leben. Das hat irgendwie Sinn für mich gemacht.

Gesang

In der zweiten Nacht haben wir zusammen gesungen. Keine richtigen Lieder. Du pendeltest zwischen den Welten und da ergeben Worte keinen Sinn mehr. Wir ließen einfach unsere Stimmen erklingen. Aber das erschwerte Atmen ließ Deine Stimmbänder nicht mehr richtig vibrieren und so zerlegten sich die Melodien der Lieder in einzelne Töne und es schien mir, als würde sich überhaupt die ganze Melodie Deines Lebens hier langsam in seine Einzeltöne zerlegen. Bausteine des Seelensongs, die zurück gelegt werden in den riesigen Raum der Möglichkeiten, aus dem wir alle schöpfen dürfen. Und so war es im Grunde mit allem: Komplexität war Dir über. Alles musste reduziert werden auf die allereinfachsten Formen: Essen, Trinken, Bewegung, Kommunikation – heruntergebrochen auf das pure Sein.

Geschenk

Es war ein unerwartetes Geschenk, das Du mir da machtest, indem du mich hast so teilhaben lassen an Deinem Verschwinden. Ich habe alles genau beobachtet und dabei wundersame Muster entdeckt, Gesetzmäßigkeiten und natürlich Deinen ganz eigenen und unverwechselbaren Stil. Du warst bis zum Ende mit dem trockenen, nordischen Humor gesegnet. So bekamen viele dramatische Situationen eine merkwürdige Skurrilität. Wir lachten darüber, dass selbst das Sterben für Dich irgendwie noch Arbeit ist.

Tot ist überhaupt nichts:
Ich glitt lediglich über in den nächsten Raum.
Ich bin ich, und ihr seid ihr.
Warum sollte ich aus dem Sinn sein,
nur weil ich aus dem Blick bin?
Was auch immer wir füreinander waren,
sind wir auch jetzt noch.
Spielt, lächelt, denkt an mich.
Leben bedeutet auch jetzt all das,
was es auch sonst bedeutet hat.
Es hat sich nichts verändert,
ich warte auf euch,
irgendwo
sehr nah bei euch.
Alles ist gut.

Annette von Droste-Hülshoff

Loslassen

Du dachtest, das Leben loszulassen wäre ein Lappalie, eine schnell gemachte Entscheidung, die Du fällst, natürlich mit Deinem Verstand. Du dachtest, Du könntest bestimmen, wie der Hase zu laufen hat. Du hieltest eine Armada von Leuten auf Trab, um den sich vor Dir aufgehenden riesigen Raum der Unendlichkeit mit Geschäftigkeit des Sterbens zu füllen. Du versuchtest die Quadratur des Kreises. Aber Du warst es auch, die uns als Kinder, wenn wir wegen einem blutenden Knie weinend zu Dir kamen, auf Deine kühle Art tröstete: „Na, so schnell stirbt es sich nicht!“ Nun gabst Du zu: „Ich dachte, Sterben geht leichter.“

Du hattest eine merkwürdige Beziehung zu Intimität. Auf der einen Seite warst Du unglaublich verschlossen. Ich bin sicher, dass es nur ganz wenige Menschen gab, wenn überhaupt einen, der Deine inneren Räume betreten durfte. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass Du diese Räume selbst vor Dir selber gut verschlossen hieltest. Auf der anderen Seite, noch zwei Tage vor Deinem letzten Atemzug, hast Du zierliches Persönchen in Deinem Blümchennachthemd 20 Chormitglieder und Freunde und Familie an Deinem Krankenbett in Deinem Wohnzimmer vorbeiziehen lassen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, Dir Lebwohl zu sagen. Ein wenig Bühne auch noch am Ende Deines Lebens. Wenn schon, denn schon. In dieser Beziehung sind wir uns wirklich nicht sehr ähnlich gewesen.

In der dritten Nacht hast Du Dich bei mir bedankt, dafür, dass ich Dich förmlich gezwungen habe, Deinen Glaube an etwas Größeres als den eigenen logischen Verstand zu erneuern. Ich war so dankbar für Deine geistige Klarheit bis zum Schluß. So konntest Du uns berichten, was Du erlebtest in dem Korridor, der in den anderen Raum führt. Und dieses Größere nahm Dich bei der Hand und in seinem Schutz öffnete sich Dein Herz.

Du hattest kleine Selbsterkenntnisse, in denen endlich etwas Bedauern über verpasste Möglichkeiten mitschwang. – Gefühle waren Dir unheimlich, gabest Du zu. Du hättest sie zur Seite geschoben wie lästige, aufdringliche Bettler an der Tür. Und das hätte doch den Kontakt zu anderen, auch zu mir sehr erschwert. Ich war Dir sehr dankbar für diese Erkenntnis, nimmst Du sie doch mit nach drüben.

Fühl mich

Und ja, ich stimme Dir zu, Deine Gewohnheit, die schmerzhaften Erfahrungen, das was weh tut und uns verletzlich fühlen lässt, in die scheinbar harmlose Lächerlichkeit zu verschieben, hat Verbindungen zerrissen. Nach innen und auch zu anderen, zu uns Kindern und auch zu Deinem Ehemann, unserem Vater. Aber ohne die Tiefe der Gefühle finden wir die seelische Verbindung zueinander nicht. Alles bleibt dann auf der Oberfläche des Rationalen hängen und dort ist alles schwarz und weiß und festgelegt, statt bunt und lebendig in der Veränderung. Es ist ein wenig schade, dass wir diese Art von Offenheit nur in den letzten drei Tagen und Nächten teilen konnten, in denen Dein Verstand seine Hoheit verlor und dem Seelisch-Geistigen Platz machte.

Und dann kam die Zeit „danach“. Die Wochen bis zu Deiner Beerdigung waren gefüllt mit Tun. Da blieb kaum Raum für den Schmerz, der jeden Verlust begleitet und dem „damit einfach sein“.

Und ich konnte mir auch gar nicht vorstellen, dass der Verlust der Mutter ein ganz besonderer Schmerz ist. Er greift durch alle Knochen bis in die kleinste Zelle. 

Und die Wochen nach Deiner Beerdigung waren geprägt von einer merkwürdigen Leere, denn ich habe diesen Tag der Beisetzung als eine Art Verwundung erlebt. Zwischen all den Worten am Grab, dem schmutzigen Geschirr nach dem Mittagessen in Deinem Haus und der Angst, vor dem Unbegreiflichen, die über dem Tag hing, blieb keine Zeit, mich selbst zu spüren. Etwas in mir versteinerte und blieb reglos stehen wie diese großen Engel, die noch auf alten Friedhöfen die Gräber lang Verstorbener behüten.

Im Sommer blieb ich für 4 Wochen in Deinem Haus, habe mich um Deinen Garten und die kleine hinterbliebene Katze gekümmert. Aber Im Haus hielt ich es kaum aus. Ein merkwürdiger Hauch von Unerledigtem hing da zwischen den Wänden und den hunderten Bildern und kleinen Dingen, mit denen Du Dich umgeben hast. So verbrachte ich viel Zeit im Garten und da tauchtest Du auf einmal auf, mit Deiner Leichtigkeit, Deinem Schalk, Deiner emsigen Energie. Da brachtest Du mir Bilder aus der Kindheit, die glücklich waren, die von Geborgenheit und Wärme, von Sicherheit und Unbesorgtheit erzählten.

Das kam völlig unerwartet. Manchmal saß ich stundenlang auf der Wiese zwischen Rosen und Mageriten und ließ die Bilder vor meinem inneren Auge kommen und gehen. So wie die Tränen. Gott was habe ich geheult, endlich, Bäche an Tränen sind in Deiner Wiese versickert. Und dann begannen sich die Bruchstücke meines Lebens neu zusammenzusetzen und sie erzählten eine andere Geschichte als die, die ich wie eine Bürde mit mir herumschleppte. Die Geschichte handelte von einem ungewöhnlichen Weg eines sehr begabten Mädchens, dass zu einer ungewöhnlichen Frau heranwuchs. Die Geschichte der emotional unberechenbaren Unruhestifterin, die im Grunde nichts weiter Nennenswertes zustande gebracht hatte als zwei Kindern das Leben zu schenken, zerfiel. Dein heimliches Unverständnis und Deine Enttäuschung über meine Andersartigkeit waren der Kit dafür gewesen. Das alles fiel nun auseinander. Auch ich konnte die Bausteine meines Lebens nich einmal neu sortieren.

Ach, schrittest du durch den Garten
noch einmal im raschen Gang,
wie gerne wollt‘ ich warten,
warten stundenlang.

Theodor Fontane

Liebe Mama

ich weiß ganz genau, dass Du mir diese Bilder schickst, dass Du mich ermutigst, meinen Weg weiterzugehen, auch wenn er für andere keinen Sinn ergeben mag. Liebe Mama, ich weiß, dass Du mich daran erinnern sollst, dass die kleinen Dinge im Leben zählen, die Blüten, die Bienen, der Duft der Äpfel im Herbst, das milde Licht der Sonne im September, der Geruch der See, das Zwicken der Ameisen, die über meine nackten Füße krabbeln, während ich von Deinen Rosen das Verblühte schneide. Ich spüre Deine Liebe und Fürsorge in diesen Bildern. Und das ist sehr, sehr schön.

Die kleinen Dinge

Liebe Mama, wir hatten es nicht leicht miteinander. Wir waren so verschieden. Ich befürchtete, dass das Gefühl der Erleichterung, das nach Deinem Tod in mir Platz nahm, das einzige sein würde, was ich je in mir spüren würde. Ich befürchtete auch, dass ich ohne Tränen bleiben würde. Ich dachte, die seltenen Momente, in denen diese zarte Verbindung zwischen uns zwei Frauen entstand, die wir Tochter und Mutter für einander waren, gaben vielleicht keine tiefe Trauer her…

Aber jetzt stelle ich fest, dass unsere Persönlichkeiten wirklich nur Kostüme sind, Dekor, Ummantelungen. Wenn wir diese ablegen, dann bleibt das übrig, was ich gerne Essenz nenne. Und jetzt, dadurch, dass Du Deinen Mantel schon mal abgelegt hast, kann ich Deine Essenz wahrnehmen. Und diese ist wunderschön. Sie ist frisch und leicht und humorvoll. Sie ist warm und liebevoll und freundlich. Sie trifft mich in meinem Herz. Sie erzeugt ein Gefühl des Alles-Ist-Gut. Sie trägt das Verständnis zu mir, dass nichts falsch ist, dass wir alle all dem zustimmen, was uns geschieht, und dass alles in einer großen universellen einvernehmlichen Symphonie orchestriert wird.

Tatsächlich gibt es nichts, worum wir uns sorgen müssten.

Liebe Mama, ich bin noch hier und ich trauere um die Unmöglichkeit, Dich in meine Arme zu schließen, zumindestens jetzt. Aber ich bin auch glücklich und dafür danke ich Dir. Ich danke Dir für dieses Leben, das Du mir geschenkt hast. Ich danke Dir aus tiefsten Herzen für den Preis, den es Dich gekostet hat und ich verspreche Dir mit ganzer Seele:

Ich mache das Beste daraus!

Bis wir uns wiedersehen. In Liebe.

Deine Tochter

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Geboren 1968, mittlerweile im Norden Deutschlands lebend, lernend, lehrend, schreibend, bin ich Lebenskünstlerin, Menschenliebhaberin und leidenschaftliche Gärtnerin...gesegnet mit Kindern, Katzen, Pferd und besonderen Menschen an meiner Seite...