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Büchergarten-Tipp 2

Ein sokratisches Gespräch über das Lebensglück

Der Buchtitel “ Du musst nicht von allen gemocht werden“ hat mir gleich nicht gefallen und ich habe innerlich die Augen verdreht. Noch so ein Lebensratgeber, der mir etwas über meine Selbstzweifel und meine heimliche Sucht, doch von jedem gemocht zu werden, erklären und sie mir ausreden will.

Das erste Mal bekam ich das Buch als eine Empfehlung von einem Marketing-Newsletter unter die Nase gerieben. Das zweite Mal fand ich es in der Audible-Liste für halbe Guthaben. Nur 4,95€! Es wurde mir empfohlen auf Grund meiner bisherigen Hörbucheinkäufe…Das sollte ich noch einmal genauer unter die Lupe nehmen!!!… Aber ich hatte noch ein halbes Guthaben übrig und so nahm ich den Titel als Hörbuch und legte erst einmal meinen Account bei Audible still.

 

„DU MUSST NICHT VON ALLEN GEMOCHT WERDEN“

Autoren: Ishiro Kishimi & Fumitake Koga / Untertitel: Vom Mut, sich nicht zu verbiegen 303 Seiten / 6 Stunden 14 Minuten / Verlag: RoRoRo

Das mit dem Mut interessierte mich schon. Mich nicht zu verbiegen, ist eine Herzensangelegenheit, an der ich noch ganz schön zu feilen habe.

Also begann ich zu hören und wurde sogleich in einen merkwürdigen Dialog zwischen einem Philosophieprofessor und einem sehr unglücklich scheinenden, jungen Mann gezogen…

„Ich möchte Sie noch einmal fragen: Sie glauben wirklich, dass die Welt in jeder Hinsicht ein einfacher Ort ist?“ Worauf der Philosoph dem jungen Mann völlig gewiss antwortete: „Ja, diese Welt ist erstaunlich einfach und das Leben auch.“

Auf den nachfolgenden 300 Seiten erörtern die beiden diese Aussage in alle Himmelsrichtungen. Der junge Mann ist überzeugt von seinem eigenen Glaube, dass die Welt durchzogen ist von einer undurchschaubaren Ansammlung von Widersprüchen. Für ihn bedeutet sie ein freudloser Ort, an dem kein Glück zu finden ist. Mit sehr provokanten Fragen versucht er den Philosophen zu bewegen, seine Behauptung zurück zu nehmen.

Der Philosoph erklärt seine Weltsicht mit einem großen Herzen für die Zweifel des jungen Mannes. Er führt ihn mittels der Technik des sokratischen Gespräches in die Grundlagen der Individualpsychologie Alfred Adlers ein. Im Gegensatz zu Sigmund Freud vertritt Adler die Ansicht, dass nicht das erlebte Kindheitstrauma unser Handlungsmotor ist, sondern unsere unbewussten Ziele, die wir auf die Zukunft projizieren. Das ist gar nicht so leicht zu durchschauen, da wir unsere geheimen Ziele oft selber nicht wahr haben wollen. Adlers Psychologie gibt uns ganz direkte und auch vorerst unbequeme Antworten auf die philosophische Frage: Wie kann man wirklich glücklich sein?

An 5 langen Abenden erforschen die beiden den wahren Hintergrund von Wut, die Verantwortlichkeit für das eigene Unglück und warum sich ein Mensch immer gegen Veränderung entscheidet. Sie stellen fest, dass sich alle Probleme auf zwischenmenschlichen Beziehungsproblemen zurückführen lassen und finden den gravierenden Unterschied zwischen Minderwertigkeitsgefühl und Minderwertigkeitskomplex heraus.

Die Autoren

Die beiden japanische Autoren ICHIRO KISHIMI und FUMITAKE KOGA sind im „echten“ Leben tatsächlich Lehrer und Schüler gewesen. Ishiro Kishimi lebt und arbeitet als Philosoph mit Schwerpunkt Platonische Lehren. Er erforscht die Psychologie Adlers und arbeitet als Berater mit Jugendlichen in psychiatrischen Kliniken. Fumitake Koga ist ein mehrfach preisgekrönter Autor. Er war lange Zeit Schüler von Ichiro Kishimi, mit dem er tiefer und tiefer in das Wesen der Adler’schen Psychologie eintauchte.

Mich hat der Inhalt ihres Buches beim Hören immer mehr fasziniert. Den Blickwinkel, den die beiden Autoren auf die großen Themen des Lebens, einnehmen, ist tatsächlich neu und überraschend für mich gewesen.

Sehr spannend fand ich zum Beispiel die Unterhaltung, bei der der Philosoph dem jungen Mann die Bedeutsamkeit der Aufgabentrennung erklärt. Wenn uns bewusst wird, was wirklich zu unseren Aufgaben gehört und was nicht, dann wird das Leben leicht, denn wir sind durchaus in der Lage, unsere eigenen Aufgaben im Leben zu meistern. Nur mit denen der werden wir uns – bewusst oder nicht – überfordert fühlen.

Auszug:“ Du bist nicht der Mittelpunkt der Welt“

Philosoph: “ Dann, wenn diesen Erwartungen nicht nachgekommen wird, sind die Menschen tief enttäuscht und fühlen sich, als wären sie schrecklich verletzt worden. Und sie sind verbittert und denken: Der hat nichts für mich getan; die hat mich im Stich gelassen; der ist nicht mehr mein Freund. Er ist mein Feind. Menschen, die glauben. dass sie der Mittelpunkt der Welt seien, werden am Ende ihre Gefährten verlieren.“

Junger Mann: „Das ist merkwürdig. Haben Sie nicht gesagt, wir leben in einer subjektiven Welt? Und solange wie die Welt ein subjektiver Ort ist, bin ich der Einzige, der in ihrem Mittelpunkt steht. Für mich kann dort niemand anderes sein.“

Philosoph: “ Ich glaube, wenn Sie von der ‚Welt‘ sprechen, haben Sie eigentlich so etwas wie ein Weltkarte im Sinn.“

Junger Mann: „Eine Weltkarte? Wie meinen Sie das?

Philosoph: „Zum Beispiel liegen Nord- und Südamerika auf einer Karte, die in Frankreich benutzt wird, auf der linken Seite und Asien auf der rechten. Europa und Frankreich befinden sich natürlich im Zentrum der Karte. Die Karte, die man in China benutzt, zeigt Amerika auf der rechten Seite und Europa auf der linken. Franzosen, die eine chinesische Weltkarte sehen, werden höchstwahrscheinlich so ein unbestimmtes Gefühl haben, dass da etwas nicht stimmt, als seien sie ungerechtfertigterweise an den Rand gedrängt worden oder willkürlich aus der Welt herausgeschnitten…Aber wie ist, wenn man einen Globus benutzt?“

Mein Fazit

Diese Buch lohnt sich auf jeden Fall für jeden, der Lust hat, einen Perspektivwechsel auf die wichtigsten Lebensthemen auszuprobieren und seine eingefahrenen Verhaltensmuster zu überprüfen. Und wegen der fast durchgehenden Dialogform empfehle ich tatsächlich die Hörbuchvariante. Die Stimmen der Sprecher sind angenehm und stimmig. Selbst gelesen wäre es eine etwas trockene Kost, meinte eine Lesefreundin letzte Woche zu mir.

 

 

Geboren 1968, mittlerweile im Norden Deutschlands lebend, lernend, lehrend, schreibend, bin ich Lebenskünstlerin, Menschenliebhaberin und leidenschaftliche Gärtnerin...gesegnet mit Kindern, Katzen, Pferd und besonderen Menschen an meiner Seite...